Konzertarchiv

Ein Chor von großer Homogenität

NWZ Region Wesermarsch Kultur 26.09.2018

Der Kammerchor Oldenburg begeistert durch Lust und Fähigkeit, subtile Details auszusingen. Das Publikum dankt am Ende mit stehenden Ovationen.

von Reinhard Rakow

BERNE Alles ist Klang, makellos und erhaben. Die Bässe bereiten erdig den Grund, Tenor und Alt streben empor, gewinnen Höhe und Form, fächern kunstvoll sich auf, bis endlich der Sopran aufgeht über allem. Mit bezwingender Strahlkraft besetzt er den Zenit des Klangfirmaments, zaubert Flächen, die glimmen, Punkte, die leuchten, Bögen, die funkeln und gleißen: Der Oldenburger Kammerchor unter Leitung von Johannes von Hoff gastiert in St. Aegidius, und die Begeisterung kennt keine Grenzen.

Der Auftritt verdankte sich einer Kooperation der Kantorenkollegen Natalia Gvozdkova (Berne) und von Hoff (Oldenburg). Das Konzert wurde tags drauf in Oldenburg wiederholt. An beiden Aufführungen wirkte Natalia Gvozdkova als Organistin mit.

Das dreiteilige, „Lob und Klage“ betitelte 90-Minuten-Programm umrahmte den mittleren Block mit kurzen Orgelstücken, einem Lamento von Jehan Alain (1911-1940) und Felix Mendelssohn-Bartholdys Fuge f-Moll, zwei dem klagenden Duktus zuzurechnenden Werken, die Gvozdkova in anrührender Strenge, doch in jeweils eigener aparter Tönung vortrug.

Strenge und delikate Schlichtheit prägten auch die Chorwerke des Abends. Dass der christliche Dreisatz Klage, Trost, Lob Komponisten aller Epochen zu großen Chorwerken inspiriert habe, betonte von Hoff in seiner Einführung. Auf die üppige Melismatik des pompösen Spätbarock konnte das Programm dennoch gut verzichten. Statt dessen konzentrierte es sich ganz auf Stücke, die das Aussingen klarer Linien fordern, das kunstvolle Färben und Schichten auch einfacher Phrasen, die gleichsam architekturale Schaffung von Klangräumen durch pure Stimmkultur – chorisch sogar die größere Herausforderung.

Neben Psalmvertonungen von Schütz und Schein vom Beginn des Barock und den Neoromantikern Frank Martin (1890-1974) und Georg Schumann (1866-1952) markierten Mendelssohn-Bartholdys „Deutsche Liturgie“ von 1846 und Francis Poulencs eigentlich eher als herb geltende „Messe in G“ von 1947 die Höhepunkte an Farbig- und Lebendigkeit; die 30 Sängerinnen und Sänger inszenierten Poulencs Gloria gar so intensiv und so prächtig, dass sie es als Zugabe wiederholen mussten.

Einen einzigen Atem atmend, agiert der Oldenburger Kammerchor in großer Homogenität, intonationssicher selbst bei diffiziler Harmonik und heikler Rhythmik, dabei stets vorzüglich artikulierend. Immer wieder begeistern Lust und Fähigkeit, subtile Details auszusingen; gerade wo leise, scheinbar schlichte Linien behutsam sich vorantasten, wird hörbar, wie hoch entwickelt der Klangsinn des Chores ist: organische Tonräume wachsen da, Akkorde folgen einander in natürlichem Fluss, Crescendi erblühen, Diminuendi erlöschen, nichts ist, was anders sein dürfte.

So konnten an diesem Abend den Annalen von St. Aegidius gleich zwei Wunder eingeschrieben werden: Erstens, dass auch noch in der elften Reihe des hohen Raumes der im vielstimmigen Pianissimo hingehauchte Schlusskonsonant klar und deutlich als „t“ zu vernehmen war.

Zweitens, dass nach anderthalb Stunden liturgischen Gesangs Besucher aufsprangen, die nicht anders konnten, als ihre überbordende Begeisterung mit lauten Bravo-Rufen loszuwerden.

Johann Sebastian Bach:
Johannespassion


Samstag,10.03.2018 I 19 Uhr

Sonntag, 11.03.2018 I 19 Uhr
St. Ansgari Oldenburg

KONZERT – Sopran von grandioser Brillanz

von Annkatrin Babbe

OLDENBURG Ergreifend und erschütternd zugleich ist die Johannespassion BWV 245 von Johann Sebastian Bach, die am Sonnabend und Sonntag vom Oldenburger Kammerchor unter der Leitung von Johannes von Hoff in der Ansgari-Kirche aufgeführt wurde. Nicht unproblematisch und aus heutiger Sicht unbedingt zu thematisieren ist die Textvorlage nach lutherischer Theologie mit ihrer Darstellung jüdischer Verantwortlichkeit an der Ermordung Jesu. In ihrem historischen Gehalt mag man damit umgehen und nicht zuletzt auch mit Blick auf die Tatsache, dass Felix Mendelssohn als Mitglied einer angesehenen jüdischen Musikerfamilie 1829 mit der Aufführung der inhaltlich gleich gelagerten Matthäus-Passion eine Art Bach-Renaissance einläutete. Der Kammerchor ist am Sonnabend in Hochform; hochkonzentriert und präzise, ob in den sanften Chorälen oder furiosen Wut-Chören. Rasche Tempi wählt von Hoff hier, ohne damit Hektik zu verbreiten und zeichnet sich auch allgemein durch die Wahl stimmiger Zeitmaße aus. Diffizil arbeitet er mit seinen Sängern die Spannbreite von hoffnungsvoller Sanftheit bis zur brutalen Chorgewalt heraus. Allein der Alt gerät in den großen Chören gelegentlich etwas blass. Gerade er verliert sich vor dem in der Mittellage sehr klangstarken Barockensemble La dolcezza (Konzertmeisterin: Veronika Skuplik). Auf historischen Instrumenten spielend bereitet das Orchester ein ausgezeichnetes Fundament. Auffallend ist die große Elastizität mit frischen Phrasierungen und starker Akzentuierung. Wirklich großartige Arbeit leistet auch der Tenor Mirko Ludwig. Als Evangelist erzählt er in den Rezitativen packend und bringt zugleich den sperrigen Text näher. Weniger Erzählduktus und mehr Weichheit hätten demgegenüber seine Arien vertragen können. Mit Ulrike Andersen (Alt), Dominik Wörner (Bass) und Julian Popken (Bass) ist das Solistenensemble auch im Weiteren sehr gut besetzt. Wirklich herausragend ist aber der feine Sopran von Monika Mauch, die grandios filigrane Brillanz und samtige Schwere miteinander verbindet.

Chorkonzert – Lob und Klage
Sa, 22. Sept 2018 | 19 Uhr
St. Aegidius-Kirche zu Berne
So, 23. Sept 2018 | 17 Uhr
Ansgari-Kirche, Oldenburg – Eversten

Chorkonzert mit Adventlicher und weihnachtlicher Chormusik

Werke von J. Brahms, F. Poulenc, F. Sixten u.a

Sa 2. Dezember 2017, 19 Uhr, St. Ansgari Oldenburg, Eintritt: 15€, Erm. 10€, Karten an der Abendkasse
Mo, 4. Dezember 2017, 19 Uhr Eglise Notre-Dame du Sablon, Brüssel – auf Einladung der Niedersächsischen Landesvertretung in der EU

Chorkonzert „Frieden – Zeit und Ewigkeit“

Samstag, 17.Juni 2017, 19 Uhr, St. Ansgari Oldenburg Sonntag, 18.Juni 2017, 17 Uhr, Chorzyklus preisgekronte Chore, Herz-Jesu-Kirche Munster, Wolbecker Str. 125 Werke von Rheinberger, Esenvalds, Dubra, Poos u.a. Leitung: Johannes von Hoff

Auch die feine Belle Epoque hat ihre Kanten

NWZ 28.3.2017

von Horst Hollmann

EVERSTEN Durch die Kreuzgange von Gabriel Faures Requiem blast Johannes von Hoff viel frischen Wind. Damit stellt sich am Sonntagabend der Kantor in der ausverkauften Ansgarikirche (an der Edewechter Landstra?e in Eversten) keineswegs in einen Widerspruch zum 1887 komponierten Hauptwerk des Franzosen. Die Belebung bricht sich ganz von innen heraus Bahn, zeigt sich nicht etwa in der Wahl flotterer Tempi oder gro?erer Klangwucht.

Faure hat seine 40 Minuten dauernden sieben Messesatze nie selbst gehort. Er war zur Mitte seines Lebens (1845 – 1924) schon vollstandig ertaubt. Die Musik hat er nur in seinem Inneren gespurt. Und es bewirkt den tiefen Eindruck des in der erweiterten Orchesterfassung von 1900 gespielten Werkes, dass aller Trost, alles Ausmalen eines entruckt-seligen Paradieses ganz aus dem Inneren kommt.

Das Collegium Vocale Hannover hat von Hoff diesmal mit seinem Oldenburger Kammerchor vereinigt, zwei hoch qualifizierte Ensembles. Sie fugen sich mit intonatorischer und rhythmischer Genauigkeit glucklich ineinander. Das Junge Sinfonieorchester Hannover fullt den farbigen Orchesterpart mit Hingabe, klarer Zeichnung und dynamischer Biegsamkeit aus. In dieser Partnerschaft wird aus Lyrik und Innigkeit nicht Weichheit, kein su?es Sauseln schleift Kanten ab. Die Solisten Francisca Prudencio (Sopran) und Samuel Hasselhorn (Bariton) fugen sich mit ihrem weitgehend vibratofreien Gesang in diese Linie ein.

Das ist auch die Qualitat, die das „Stabat Mater“ von Francis Poulenc pragt. In den zwolf kurzen Abschnitten gelingt in Ansgari eine optimale Synthese aus flussiger Diktion und intensiver Detailgestaltung. Sehr dicht setzt Poulenc Tragik gegen Hoffnung. Musik der Belle Epoque (Faure) und des Neoklassizismus (Poulenc) muss nicht weichgespult sein. Was eindringlich zu beweisen war.

Passionskonzerte

Samstag, 25. März 2017,
Marktkirche Hannover
Sonntag, 26. März 2017,
St. Ansgari Oldenburg

Gabriel Fauré: Requiem
Francis Poulenc: Stabat Mater

Gabriel Faure: Requiem Francis Poulenc: Stabat Mater

Francisca Prudencio (Sopran) Samuel Hasselhorn (Bariton) Oldenburger Kammerchor und Collegium Vocale Hannover Junges

Weihnachtliche Chormusik im Gottesdienst

Sonntag, 18.12.2016 |10 Uhr Ansgarikirche, Oldenburg Eversten

„Liebe“ – schwärmerische Chormusik des 19. und 20. Jahrhunderts mit Werken von G. Holst, N. Lindberg, M. Lauridson u.a.

Sa, 22.10.16, 18.00 Uhr, Norderney, Conversationshaus

Ein anspruchsvoller und ansprechender Chor
Kammerchor feiert in der voll besetzten Ansgarikirche – Kombination mit Jazz-Trio

von Horst Hollmann

Oldenburg – Vielleicht könnte Johannes von Hoff Einspruch erheben, würde jemand seinen Oldenburger Kammerchor ein wundervolles Instrument nennen. Instrument? Das klingt mehr nach konzentrierter Technik als nach der Wärme und Vielfalt menschlicher Stimmen. Doch im jüngsten von mehreren Konzerten zum 30-jährigen Bestehen schiebt der Chor alle offenen Fragen einfach beiseite.

Der Chor mit seinen ständig 30 bis 35 Sängerinnen und Sängern bedient beide Einschätzungen. Er vereinigt instrumental präzise Linienführungen mit den individuellen Charakteren der Stimmen zu einer großen Form. Die vielfältigen individuellen Gefühle finden in einem denkenden Kollektiv zur großen Gemeinsamkeit zusammen.

Der Ansgari-Kantor hat den Auswahlchor 1986 ins Leben gerufen. Im In- und Ausland hat er namhafte Wettbewerbe gewonnen oder ansehnliche Platzierungen erreicht. Wie vielseitig er seine Programme gestaltet, zeigt er in der voll besetzten Ansgarikirche mit Werken zum Thema Liebe. Sie reichen von Motetten des 17. Jahrhunderts von Tomás Luis de Victoria bis zu geistlichen Kompositionen des 21. Jahrhunderts. Die Entdeckerfreude des Chores erweist sich im Zusammenwirken mit den Jazzmusikern Klaus Ignatzek (Klavier), Klaus Fey (Saxofon) und Jens Heisterhagen (Bass), Musikern von europäischem Rang, die in Oldenburg wirken.

Umrahmt von Chorwerken von David Wikander, Gustav Holst oder Morten Lauridsen und verbunden durch die Improvisationen steht das „Höga Visan“, das „Hohe Lied der Liebe“, von Nils Lindberg im Zentrum. Der stilistisch vielseitige Schwede führt hier den Chor mit dem instrumentalen Trio zusammen. Am Ende der vier Lieder lässt er das Blasinstrument Jubelgirlanden über Liegetöne der menschlichen Stimmen ausbreiten.

Das Trio nimmt intensiv und innovativ die harmonischen Strukturen etwa der Renaissance-Motetten auf, verbindet Historie mit dem Heute. Sehr dicht komponiert ist „Trialogue“ von Fey. Durch Bachs „Air“ traben die Drei eher flott als zu schreiten. Im Zusammenwirken mit dem Chor besticht Ignatzek mit feiner Zurückhaltung und Einfühlung.

Der Kammerchor vereinigt enorme Beweglichkeit mit dichter stimmlicher Intensität und Harmonie. Er klingt rund, ohne jemals forciert zu wirken. Hoff konzipiert die musikalischen Verläufe weiträumig, zeigt sich stets aber auf die expressive Ausgestaltung von Details bedacht. Lebhaft entwickelt sich dabei das Vor- und Zurücktreten der Stimmen, das Spiel von Licht und Schatten. Anspruchsvoll ist der Chor in seinen Programmen und in seiner eigenen Entwicklung – und ansprechend gegenüber seinen begeisterten Anhängern.